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Stuttgarter Zeitung
Wie fühlt es sich an, wenn einer fast über Nacht aus der Anonymität auf die
ge-schichtsträchtigsten Tennisplätze der Welt treten darf. Dem Daviscupspieler
Alexan-der Waske ist es passiert. Seine Gefühle hat er für die StZ
aufgeschrieben. Was es für einen Tennisspieler heißt, in Wimbledon zu spielen.
Von Alexander Waske
So ganz habe ich mich nie daran gewöhnt. Auch jetzt noch nicht. Sicher,
mittlerweile ist es meine dritte Teilnahme in Wimble-don. Ich stehe im Doppel
im Achtelfinale, was ein schöner Erfolg ist. Allein die Demut und Faszination
ist geblieben. Gerade für einen, der mit 24 Jahren überhaupt erst ernsthaft in
Betracht gezogen hat, eine Profikarriere zu wagen. Noch mit 20 habe ich in der
Oberliga in Hessen gespielt und war die Nummer 190 - in Deutschland, nicht in
der Welt. In Amerika habe ich für mein College in San Diego aufgeschlagen und
davor eine Banklehre gemacht. Alles ganz solide - für eine Laufbahn als Banker
und Tennisliebhaber.
Damals, im Jahr 2002, bin ich also sozusa-gen als ambitionierter Tennisfan
ausgezo-gen nach England, um mich in Wimbledon einfach mal in der Qualifikation
zu versu-chen. Man weiß ja nie. Dann kam diese letzte Runde draußen in
Roehampton, wo wir um den Zutritt auf den heiligen Rasen spielten. Der
Schweizer Bastl war mein Gegner. Ein unangenehmer Widersacher auf Rasen. 5000
Dinge sind mir vor dem Spiel durch den Kopf geschwirrt -und im-mer wieder die
eine Frage: Was ist, wenn ich gewinne? Mein Mentaltrainer hat mich dann dazu
gebracht, mich nur aufs Match zu konzentrieren, sonst hätte ich keinen Ball
getroffen. Am Ende stand es 6:4, 6:4, 7:6. Ich war drin.
Als erstes habe ich meine Eltern angerufen, denn wenn der Sohn auf einem der
Haupt-plätze von Wimbledon aufschlagen darf, sollten sie schon dabei sein.
Schließlich war es für mich, als ob ich mich in meinen eigenen Kindheitstraum
geschlichen hätte. Einen Traum, den jedes Kind, das einen Schläger im Schrank
hat, träumt, aber nur so wenig erleben dürfen. Leider hat mein Vater damals
keine Urlaub bekommen, dafür aber meine Mutter. Sie hat sich dann tatsächlich
in den Flieger gesetzt, ich weiß nicht, wie oft sie das allein überhaupt da-vor
schon mal gemacht hatte. Als vor ihr dann einer die "Bild" gelesen hat, und ich
dort abgelichtet war mit einer Zeile vom Frankfurter Jung in Wimbledon, hat sie
ihn gleich gefragt, ob sie die Zeitung haben durfte. Wie Mütter eben so sind,
wenn der Stolz nicht mehr zu bändigen ist.
Am Ende hat der ganze Flieger von meinem ersten Spiel gewusst. Als es dann so
weit war, weiß ich noch wie ich zur Anlage ge-fahren bin, die riesige Schlange
vor dem Eingang gesehen habe und mir nur dachte: Um Gottes Willen, die kommen
alle, um auch dich zu sehen. Meine Mutter hat Bil-der von den Anzeigentafeln
geschossen, auf denen mein Name stand. Alles musste fest-gehalten werden, damit
es die Nachwelt auch wirklich glaubte.
Einen eigenen Spind hatte ich dann auch. Hier schließt man den nicht ab, was es
sonst nirgendwo gibt. Gentlemen stehlen nicht, und Tradition geht über alles.
Die schmutzige Wäsche wird von den Ordnern wieder direkt sauber gebügelt in
dein Fach gelegt. Auch das gibt es nur hier. Nun war ich ein winziger Teil
davon. Es war un-glaublich.
Dann kam das Match. Der Gegner hieß Gaudenzi, und ich weiß nur noch, dass ich
nicht gleich aufschlagen wollte, weil mir der Arm so gewackelt hat vor Angst.
Na-türlich habe ich die Wahl verloren und musste doch anfangen. An den ersten
Punkt kann ich mich noch erinnern. Ich ha-be nach außen serviert und er den
Return ins Netz geschlagen. Meine Mutter ist im Publikum gesessen und war so
nervös, dass sie von ihren Sitznachbarn angesprochen wurde. Als die merkten,
wer sie war und wie sie litt, hielt plötzlich der ganze Block zu mir. Es hat
geholfen, ein bisschen zu-mindest.
Die ersten drei Sätze waren ein einziger Krampf, weil ich mich einfach nicht
ent-spannen konnte. Im vierten Durchgang hatte ich mich dann endlich frei
gespielt. Das Gefühl beim Matchball blieb mir haf-ten: Es war die pure Freude -
und doch - irgendwie schien es mir, dass ich eigentlich kein Recht hatte, hier
zu sein. Zu groß, zu ehrwürdig zu weit weg war der Anlass. Ich hatte eher die
Assoziation, mich als einfa-cher Tourist in ein Staatsbankett geschli-chen zu
haben. Es war unheimlich.
Ein Jahr darauf kam dann der totale Ham-mer. Auf dem Platz Nummer eins traf ich
auf den Lokalmatador Greg Rusedski. Vor 11400 Zuschauern. Nur so für den
Hinter-kopf: Im College sind es so um die 50 ge-wesen. Schon drei Tage vor dem
Spiel hat mir der Daviscuptrainer Patrik Kühnen ge-sagt: Alex gehe raus und
schaue dir den leeren Platz an, damit du nicht den ganzen ersten Satz damit
beschäftigt bist, die vie-len Zuschauer zu bestaunen und dann das Match so gut
wie weg ist. Also habe ich mich zwei Mal hinein geschlichen, war in der ersten
Reihe gestanden und habe ein-fach nur meinen Blick schweifen lassen. Es hat
geholfen, als ich in die Arena trat, war ich so weit vorbereitet und nicht
völlig von den Socken. Ein bisschen traurig bin ich gewesen, dass die
Verbeugung vor der kö-niglichen Familie abgeschafft wurde. Ich hätte die Geste
gern vollzogen - nicht nur vor der Queen, sondern vor der Tradition eines
Turniers, das seit 100 Jahren eine Magie verströmt, unzählige epische Kämpfe
gesehen hat und so viel größer ist als der einzelne Sportler.
Das Match lief ordentlich, in drei Sätzen habe ich dennoch verloren. Gestern
nun hat sich der Kreis geschlossen. Noch einmal im Doppel zusammen mit Rainer
Schüttler auf dem Einser. Im Doppel waren Vizner/Suk die Gegner. Es ist ein
großer Moment gewesen. Die Demut für einen Ort, den kein Tennisspieler als
gewöhnliche Anlage betrachtet, ist geblieben. Der Traum geht weiter.
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