<< zurück
Link zur Quelle / Link to source
München - Der alte Klappstuhl hat schon bessere Tage gesehen.
Die dunkelblauen Streifen sind von der Sonne ausgeblichen, das Metallgestänge ist durch die feuchte, englische Witterung angerostet, der Nylonstoff über die Jahre unter dem Gewicht seines Besitzers ausgeleiert.
"Mehr wie eine Gartenparty"
Kein Wunder, denn George Taylor kommt schon seit 30 Jahren nach Roehampton, um sich die Qualifikation für das wichtigste Turnier der Welt anzuschauen.
Doch auf der Anlage "The Bank of England Sports Centre" erinnert aber auch gar nichts an den ehrwürdigen All England Club von Wimbledon, der nur ein paar Meilen entfernt ist.
"Das ist hier mehr wie eine Gartenparty, bei der man nebenbei ein bisschen Tennis guckt", bemerkt der 74-Jährige, der auch an der Church Road zu den Stammgästen zählt.
Für Wimbledon unwürdig
Tatsächlich wird in Roehampton nur in einer Woche im Jahr Tennis gespielt, ansonsten tummeln sich Kricketspieler auf der grünen Wiese. An den Standard einer normalen Tennisanlage ist da nicht zu denken.
Auch für die Spieler, die in der Weltrangliste jenseits der 110 stehen und um die 16 Plätze im Hauptfeld kämpfen, ist es eine ungewöhnliche Situation.
"Diese Anlage ist dem größten Tennisturnier der Welt unwürdig", beklagt Davis-Cup-Profi Alexander Waske bei Sport1, "es ist, als ob man in einer großen Parkanlage spielt. Auf dieses Kricketfeld werden einfach ein paar Linien draufgezogen und Pfosten mit Netzen aufgestellt. Das ist einfach keine Tennisanlage."
Links Fußball, rechts Rugby
16 Courts gibt es in Roehampton, dicht an dicht nebeneinander gepfercht, einzig abgetrennt von ein paar halbhohen Banden. Auf der linken Seite schließt sich ein Fußballplatz an, rechts ein Rugbyfeld.
Während auf den Matchcourts zumindest die gleiche Rasenmischung wie in Wimbledon verwendet wird, gleichen die Trainingsplätze mehr verwilderten Naturschutzwiesen.
"Teilweise ist es wirklich eine Frechheit, da ist überall Unkraut auf dem Platz, die Bälle verspringen, wie sie wollen. Da kann man besser Fußball drauf spielen", erzählt Waske weiter.
"Schlechte Plätze, schlechtes Essen"
Ein Players Center existiert nicht, die Spieler müssen mit dem kleinen Klubhaus der Kricketspieler Vorlieb nehmen. Ständig dröhnen über Lautsprecher die nächsten Spielpaarungen quer über die Anlage und nicht einmal die kulinarische Versorgung kann auch nicht-verwöhnte Spieler mit der lärmenden und unruhigen Atmosphäre versöhnen.
"Das Essen ist unter aller Würde, auch für englische Verhältnisse bodenlos. Schlechte Plätze und schlechtes Essen", das verbindet der Mannschaftsweltmeister inzwischen mit Roehampton.
Picknicken und ein wenig Tennis
Die Zahl der Zuschauer ist überschaubar und das liegt nicht nur daran, dass sich das Interesse an der Qualifikation generell in Grenzen hält. Zutritt zur Anlage haben im Grunde nur Klubmitglieder, die sich wie George Taylor mit ihren Klappstühlen um die Courts herumdrapieren, gemütlich picknicken, sich sonnen und dabei eben ein wenig Tennis schauen.
"Manchmal ist ja doch ein großer Name dabei", erzählt Taylor, "1977 habe ich hier John McEnroe spielen sehen. Der hat es dann sogar bis ins Halbfinale geschafft."
Der Gedanke an ein Match in Wimbledon ist auch der einzige Grund, warum die Spieler die harten Bedingungen in Roehampton billigend in Kauf nehmen.
Durch den Schmutz spielen
"Es ist schon ziemlich bitter, hier spielen zu müssen, aber jeder weiß, worum es geht. Das ist Motivation genug, um sich durchzubeißen", bestätigt Waske, der das erhoffte Ziel schon mal erreicht hat.
"Es ist ein riesiger Kontrast, wenn man es dann geschafft hat und tatsächlich in den heiligen Hallen von Wimbledon rumlaufen darf, wo die ganzen Bilder und Pokale der größten Spieler sind und einen das Wimbledon plötzlich packt. Das ist der Wahnsinn. Man hat sich wirklich aus dem Schmutz durchgespielt und kommt aus dem Nirgendwo direkt ins Oberhaus", erzählt der Frankfurter mit leuchtenden Augen.
Hier wird keine Geld verschwendet
Das Kontrastprogramm wird sich auch in den kommenden Jahren nicht ändern, da ist sich Waske sicher: "In Wimbledon geht es nur darum, wer das Turnier gewinnt und nicht, wer sich qualifiziert hat. Das viele Geld, das mit dem Turnier verdient wird, investieren sie lieber in die Hauptanlage und verschwenden es nicht hier. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass man die Anlage besser präpariert. Das beste Turnier der Welt hat eine bessere Quali verdient."
Dass dieser fromme Wunsch erhört wird, daran kann auch George Taylor nicht so recht glauben. Dennoch wird er auch im nächsten Jahr wieder nach Roehampton kommen, mit seinem alten Klappstuhl und ein paar Sandwiches im Gepäck.
<< zurück